Wenn der Überblick zur Herausforderung wird
- FireToolBox

- vor 21 Stunden
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Gedanken zum Höhepunkt der Waldbrandsaison
Die Waldbrandsaison hat ihren Höhepunkt – hoffentlich – überschritten. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen Nachbarstaaten kämpften und kämpfen nach wie vor noch immer Einsatzkräfte gegen große Vegetationsbrände. In den vergangenen Wochen sind täglich neue Meldungen hinzugekommen. Selbst für mich als erfahrenen Beobachter wurde es zunehmend schwierig, den Überblick über alle laufenden Lagen zu behalten.
Während ich diese Zeilen schreibe, erholen sich tausende Einsatzkräfte nach mehrtägigen und kräftezehrenden Einsätzen oder sind dabei, Unwetterschäden zu beseitigen. Einsatzkräfte, welche in der Urlaubszeit und unter höchster Anstrengung alles gegeben haben! Ihnen gilt mein tiefer Respekt.
Gerade in solchen Situationen wird in sozialen Medien häufig über Taktiken, Ausrüstung oder einzelne Entscheidungen diskutiert. Doch die Realität an der Einsatzstelle ist meist deutlich komplexer, als ein Bild oder ein kurzer Videoclip vermitteln kann. Deshalb möchte ich nicht auf Fehler, fehlende Ausrüstung oder einzelne Entscheidungen schauen.
Viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass überwiegend ehrenamtlich aktive Menschen alles daransetzen, Wälder, Infrastruktur, Gebäude und Menschenleben zu schützen.
Was dabei oft übersehen wird: Große Vegetationsbrände sind längst nicht mehr nur eine Herausforderung für die Einsatzkräfte an der Front.
Der enorme Kräfte- und Mittelansatz stellt auch Führung und Logistik vor neue Aufgaben. Bundesländer unterstützten sich gegenseitig mit Personal und Material. Gleichzeitig müssen Einsatzkräfte versorgt, abgelöst und koordiniert werden.
Eine Entwicklung wird dabei immer deutlicher: Wir müssen uns künftig darauf einstellen, mehrere Großschadenslagen gleichzeitig zu bewältigen. Während an einer Stelle Hunderte Einsatzkräfte gebunden sind, entsteht andernorts bereits der nächste große Waldbrand. Die Großbrände im Hürtgenwald (NRW) und Hohes Venn (Belgien) haben dies eindrucksvoll gezeigt. Und das ist nur ein Beispiel von Vielen.
Das Priorisieren von Ressourcen und das Erhalten eines gemeinsamen, dynamischen Lagebildes werden damit immer wichtiger – eine Herausforderung, die viele Feuerwehren in dieser Form bisher nur selten erlebt haben.
Gleichzeitig zeigen die aktuellen Ereignisse, dass die bisherige „Werkzeugkiste“ der Waldbrandbekämpfung erweitert werden muss. Klassische Feuerwehrtaktiken bleiben unverzichtbar, doch bei großen und dynamischen Vegetationsbränden werden zunehmend Verfahren benötigt, die in Deutschland vielerorts noch wenig bekannt sind.
Dazu gehören spezielle Methoden der Lageerkundung, die Analyse von Brennstoffen, Wetter und Topografie, aber auch weiterführende taktische Verfahren bis hin zum kontrollierten taktischen Feuereinsatz unter klar definierten Rahmenbedingungen.
Niemand kann erwarten, dass jede Feuerwehr diese Fähigkeiten vollständig selbst vorhält.
Daher sollten wir einen Grundsatz berücksichtigen, welcher uns bereits aus der GAMS-Regel bekannt ist: Spezialkräfte rechtzeitig nachfordern, bevor die Lage größer wird als die eigenen Handlungsmöglichkeiten.
Genau darin liegt vielleicht eines der wichtigsten Learnings dieser Saison:
Erfolgreiche Vegetationsbrandbekämpfung basiert heute mehr denn je auf Zusammenarbeit, Erfahrungsaustausch und der Bereitschaft, zusätzliches Fachwissen frühzeitig zu nutzen. Wer erst Unterstützung anfordert, wenn die Lage außer Kontrolle gerät, läuft häufig nur noch hinter dem Ereignis her.
Die aktuelle Saison wird uns vermutlich noch einige Zeit begleiten. Gleichzeitig zeigt sie deutlich, dass die Anforderungen an Führungskräfte wachsen. Spezialisiertes Wissen über Vegetationsbrände wird künftig eine immer größere Rolle spielen – sowohl in der Einsatzvorbereitung als auch während laufender Einsätze.
Wir müssen reden
Eine weitere Erkenntnis dieser Saison: Wir müssen mehr miteinander sprechen.
Jeder größere Vegetationsbrand liefert Erfahrungen und Erkenntnisse, die anderen Feuerwehren helfen können. Deshalb müssen wir über Einsätze, Taktiken und Entwicklungen sprechen – offen, sachlich und auf Augenhöhe.
Genau dafür haben wir vor einigen Jahren den digitalen Stammtisch Vegetationsbrand ins Leben gerufen. Mehrmals im Jahr tauschen sich dort Einsatzkräfte, Führungskräfte und Interessierte über aktuelle Entwicklungen und Erfahrungen aus. Auch unsere nächste digitale Fortbildung "Tipps & Tricks für Trainer" verfolgt genau diesen Gedanken: Wissen teilen, Erfahrungen weitergeben und gemeinsam besser werden.
Wer sich intensiver mit dem Thema Führung bei Vegetationsbränden beschäftigen möchte, dem empfehle ich außerdem unseren Blogbeitrag zur Führungsunterstützung Vegetationsbrand. Dort haben wir bereits im Mai die Frage aufgestellt, wie Fachwissen zu Brennstoffen, Wetter, Topografie und taktischen Möglichkeiten Einsatzleitungen bei komplexen Vegetationsbränden unterstützen kann.
Ich wünsche allen eingesetzten Kräften eine sichere Rückkehr von ihren Einsätzen, die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit und die notwendige Portion Durchhaltevermögen für die kommenden Wochen, egal ob am Feuer oder bei anderen Naturereignissen.
Louis Evert




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